AIT

7/8-2004

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7/8-2004

Single-Lounge in Wien

Deutsche wohnen heute durchschnittlich auf fast 42 Quadratmetern Fläche, und Menschen in Tokio kommen mit etwa 25 Quadratmetern pro Person zurecht. 180 Quadratmeter beansprucht eine Single-Wohnung in Wien, die der österreichische Architekt Johannes Will aus Großglobnitz entworfen hat. Wer der Besitzer oder die Besitzerin dieser "Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad" ist, bleibt ein Geheimnis – lediglich, dass es sich um einen ausgesprochenen Architekturliebhaber handelt, der auch andere Projekte schon bei renommierten Architekten in Auftrag gegeben hat, ist bekannt. Auf Johannes Will und das Unternehmen WILLL Manufaktur Architektur Möbelkultur war der mysteriöse Bauherr durch das Office & Showroom-Konzept des Firmenhauptsitzes von WILLL, das ebenfalls aus der Hand des Jungarchitekten stammt, aufmerksam geworden. Im gesamten Bauverlauf vertraute der zukünftige Bewohner der Singlelounge dem Gestalter blind: Nur die Planung und der ursprüngliche Zustand der Wohnung waren ihm bekannt. Er hatte aber nicht ein einziges Mal die Baustelle betreten. Johannes Wills Entwurf war jedoch auch schon im Vorfeld wie ein Maßanzug auf den Wohnungsbesitzer abgestimmt und berücksichtigte dessen besondere Vorlieben: viel Platz, eine schöne Küche und ein Badezimmer, in dem ausgiebiges Duschen, das sich anfühlt "wie unter einem Wasserfall", möglich ist, waren ausdrückliche Bauherrenwünsche. Zusätzlich legte er Wert auf klar strukturierte, aber dennoch subtil spannungsvolle Räume, ausgearbeitete Detaillösungen und darauf, dass alles "auf den Punkt gebracht" wird. Diese Wünsche zeichnen sich in der architektonischen Umsetzung ab: In den Bestand, ein Haus aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, brachte der Architekt ein Konzept ein, das Anleihen aus der klassischen Moderne aufweist und durch sachliche Klarheit besticht. Man betritt die Wohnung über einen lang gezogenen Eingangsbereich, in dem die Tiefe des Raumes bereits spürbar wird. Der direkte Weg in den Wohnbereich führt an einem Bad und einem Lichthof, der Küche und einer in die Wand integrierten Bibliothek vorbei. Das Wohnzimmer selbst hat nichts von der Heimeligkeit herkömmlicher Wohnzimmer. Es hat vielmehr die Dimensionen eines Saales, in dessen Mitte ein schlichter Eßtisch positioniert wurde. Einzig die drei begrenzenden Wände modulieren den reduzierten, schmucklosen Raum. Das regelmäßige Fensterraster auf einer der beiden Längsseiten rhythmisiert ihn. Ein Wandfeld aus Holz unterbricht eine der beiden Stirnseiten, die andere trennt das Wohn- vom Schlafzimmer und ist klar gerastert. In dieses Raster, das sich vertikal in drei Elemente unterteilt und horizontal von länglichen Querformaten dominiert wird, wurde eine raumhohe Drehtür integriert. Nicht nur ungewöhnlich, dass die Türe im geschlossenen Zustand innerhalb des Rasters als Raumverbindung kaum wahrnehmbar ist, auch die Oberfläche des Raumabschlusses ist speziell: Weiße Lederpaneele bilden trotz der klaren Struktur der Wand einen weichen Übergang und lassen die Atmosphäre des Schlafzimmers bis in den Wohnraum hinein erahnen. Die Basis der gesamten Wohnung bildet ein dunkler Holzboden aus amerikanischem Nußbaum. Das Bad und eine großzügige Ankleide auf der linken und eine Küche auf der rechten Seite sind dem Wohnzimmer vorgelagert. Im Bad tauscht der Architekt nun die Farbigkeit der Raumelemente. Die Wände sind hier nicht weiß, wie in der übrigen Wohnung, sondern mit braunen Schichtstoffplatten verkleidet. Der Boden dagegen ist mit hellem Naturstein belegt. Der vergleichsweise kompakte Grundriss des Bades und der Küche wird von Johannes Will geweitet, indem er raumhohe Spiegel und fugenlose Glasflächen einsetzt, die Raumgrenzen auflösen und mitunter auch Über-Eck-Blicke in andere Räume ermöglichen. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit über einen schmalen, introvertierten Weg am Badezimmer vorbei in das Wohnzimmer zu gelangen. Ähnlich wie das Bad hat Will auch die Küche entworfen – der Raum verschwimmt und vergrößert sich durch eine raumhohe Spiegelfläche. Die gesamte Wohnung ist von einer minimalistischen Eleganz geprägt und lässt alles Unnötige in dem großzügigen, fließenden Raumkontinuum unmerklich verschwinden.